Für den Adventskalender habe ich nach einem weiteren samischen Märchen gesucht. Sofort stieß ich auf dieses hier und wollte es unbedingt mit dabeihaben. Später recherchierte ich, dass es nicht ganz klar ist, ob es wirklich samischen Ursprungs ist. Sicher ist jedoch, dass dieses Märchen bzw. diese Fabel in der samischen Kultur weitergetragen wurde und wird, aber die Herkunft an sich scheint komplexer zu sein. Es wird nämlich so oder so ähnlich über Nordeuropa und sogar Nordasien verteilt als Tiermärchen erzählt.
Am Ende aber ist es egal, denn genau das macht einen Teil der Magie aller Märchen: Sie verbreiten sich durchs Erzöhlen, so wie ich es jetzt dir erzähl, und haben so Bestand – über alle Grenzen hinaus.
Wie der Bär seinen Schwanz verlor
Vor ewigen Zeiten, als die Tiere noch sprechen konnten und auch die Geister des Waldes und der Fjälle eng mit den Menschen verbunden waren, sah der Bär ganz anders aus als heute. Er war zu allen Zeiten ein majestätisches, stattliches Tier, nur war damals sein langer, buschiger Schwanz seine größte Zierde. Er trug ihn hoch und stolz erhoben wie ein mächtiges Banner, und wenn er durch Taiga und Tundra schritt, wogte der Schwanz im Wind, dunkel und prächtig.
Der Fuchs beobachtete den Bären oft mit einem funkelnden, neidischen Blick. Sein eigener Schwanz war zwar auch ganz nett, aber der des Bären war einfach eine wahre Pracht! Und so reifte in ihm ein listiger Plan, denn der Fuchs war bekannt dafür, mit seiner Schlauheit jeden übertölpeln zu können.
Schicksalhafte Begegnung
Es war im Spätherbst, als der erste pudrige Schnee die Landschaft weißte und die Natur langsam einfror. Da traf der Fuchs den Bären eines Tages am Ufer eines großen Sees, der bereits von einer dünnen, klaren Eisschicht bedeckt war.
„Hej Bär“, rief der Fuchs mit schmeichelnder Stimme, „sieh nur, wie klar das Eis ist! Ein perfekter Tag zum Angeln. Ich kenne ein geheimes Loch, wo die fetten Forellen fast so dick sind wie dein prachtvoller Schwanz. Ich habe extra eine phantastische Methode entwickelt, wie ich sie alle zum Anbeißen bringe: Wir brauchen keine Angelruten, wir nutzen unsere Schwänze!“
Der Bär, der gerne aß und vor seiner Winterruhe sowieso immer hungrig war, sich gleichzeitig jedoch des schlechten Rufes des Fuchses bewusst war, fragte misstrauisch. „Wie soll das gehen?“
„Ganz einfach“, erklärte der Fuchs und wedelte mit seinem buschigen Schweif. „Man senkt den Schwanz durch das Loch ins Wasser. Die Haare bauschen sich im Wasser auf wie kleine Würmer, denen die Fische nicht widerstehen können. Man muss nur ganz stillsitzen und geduldig warten, bis sie anbeißen. Das Wichtigste ist: Nicht zu früh ziehen!“
Der Bär überlegte. Sein Schwanz war schließlich viel üppiger als der des Fuchses – sicherlich würde er viel mehr Fische anlocken als der alberne Fuchsschwanz! Die Versuchung war zu groß. „Einverstanden“, brummte er.
Der Preis der Leichtgläubigkeit
Der Fuchs führte ihn zu einer Stelle, wo das Eis noch durchsichtig war. Mit seinen Pfoten kratzte er schnell ein Loch hinein. Dann drehte er sich um und ließ seinen Schwanz vorsichtig ins eiskalte Wasser gleiten. Der Bär machte es ihm nach. Die stechende Kälte kroch über den Schwanz an seiner Wirbelsäule hoch bis ins Gehirn, aber er dachte an den verheißenen Fischberg und hielt tapfer aus.
„Nun, absolute Geduld, beweg dich nicht, vor allem nicht deinen Schwanz!“, zischte der Fuchs. „Ich zähle innerlich die Zeit. Wenn es soweit ist, rufe ich: Zieh! Und dann ziehst du mit einem mächtigen Ruck und so schnell du kannst den Schwanz heraus. Wirst sicher einen Berg Fische ergattern!“
Die Minuten verstrichen, eine halbe Stunde, eine Stunde, zwei Stunden. Der listige Fuchs bewegte vom Bären völlig unbemerkt seinen Schwanz unter der Oberfläche hin und wieder, um das Wasser zu rühren und ein Einfrieren zu verhindern. Der Bär aber, getreu der Anweisung, rührte sich kein Stück, saß still wie ein Fels. Er war ganz darauf konzentriert, das sanfte Kribbeln eines anbeißenden Fisches zu spüren. Was er nicht spürte, war, wie das Wasser an seinem mächtigen, haarigen Schwanz hochkroch und unter der bitteren Kälte gefror. Zuerst bildete sich ein dünner Eisfilm, dann wurde die Schicht immer fester, bis sein Schwanz fest im Eisloch gefangen war.
Der Fuchs beobachtete den Bären und wusste genau, wann der rechte Zeitpunkt gekommen war. Er sprang auf und rief laut: „ZIEH, BRUDER BÄR, ZIEH JETZT MIT ALLER KRAFT!“
Voller Überraschung, Erwartung und Vorfreude auf die Beute spannte der Bär seine gewaltigen Muskeln an und riss seinen Schwanz mit einem gewaltigen Ruck aus dem Wasser.
Ein fürchterliches Knacken und Reißen erschütterte die stille Luft. Nicht das Eis brach, sondern sein eigener Schwanz. Ein stechender Schmerz durchfuhr den Bären. Als er sich umdrehte, sah er zu seinem Entsetzen, dass sein prachtvoller, langer Schwanz bis auf einen kläglichen Stummel im Eis stecken geblieben war.
Gellendes Gelächter schallte über den See. Der Fuchs hüpfte vor Schadenfreude auf und ab. „Oh, Bruder Bär, enorme Kraft gepaart mit maßloser Gier! Bei dir muss ja ein Wal angebissen haben, so erbärmlich wie dein Schwanz aussieht.“
Beschämt, verletzt und von Schmerz erfüllt, brüllte der Bär vor Wut. Er jagte dem Fuchs nach, aber dieser war längst in den schützenden Wald verschwunden. Seit diesem Tag trägt der Bär nur noch einen kurzen Stummel, an den er stets mit ein wenig Scham und Groll zurückdenkt.
Und der Fuchs? Der läuft noch heute mit einem buschigen Schwanz durch die Welt, immer mal ein kleines, triumphierendes Lächeln im Blick, wenn er an den größeren, stärkeren Bären denkt, den er dennoch einst so schön hereingelegt hat.


