Diese persönliche Weihnachtsgeschichte habe ich 2011 als Weihnachtsgruß für die Menschen um mich herum geschrieben. Damals, Harald war beruflich unter der Woche fast nur unterwegs, ich hatte einen Bürojob und unsere Kinder waren 14 und 17 Jahre alt, galt es noch den ganz normalen Wahnsinn vor Weihnachten zu wuppen – Entspannung wollte sich hart erarbeitet werden. Auch wenn Weihnachten da deutlich wuseliger und vor allem in der Vorbereitung anstrengender war: Ich seh gern zurück, es gab so viele besondere Momente.
Jetzt sind sie längst ausgeflogen und mir steht in diesem Jahr ein Weihnachten vor der Türe, das ich emotional bislang gar nicht einordnen kann, denn zum ersten Mal überhaupt werde ich ohne meine Kinder und tatsächlich auch ohne meine Mama feiern. Ich hoffe, dass ich sie zumindest online auf einen Kaffee sehen kann an Heiligabend. ♥
Durch Anspannung zur Entspannung (2011)
Eine alternativ passende Überschrift wäre übrigens „Alle Jahre wieder“ gewesen, denn es gibt einfach Rituale, die bei uns traditionell gepflegt werden. Ob die jetzt schön sind, Sinn machen – egal! Da müssen wir anscheinend jährlich durch. Und so war es am heiligen-Vormittag-vor-dem-noch-heiligeren-Abend wieder soweit.
„Lasset uns über die Anspannung zur wahren, tiefen Entspannung gelangen“, so das Motto quasi.
Jedes Jahr beginnt Heiligabend traditionell mit einem Frühstück, an dem in den vergangenen Jahren nur noch der Mann und ich teilnehmen, da der Mann gegen halb 9 morgens allerspätestens dringend frühstücken muss, da er sonst wahrscheinlich Gefahr läuft, binnen kürzester Zeit zu sterben, während die Kinder ihren wohlverdienten (*hust*) Schönheitsschlaf benötigen. Bis dahin ist alles Friede-Freude-Eierkuchen, aber dann geht’s ab!
Der Mann macht sich daran, die Tanne in die Senkrechte zu befördern. Und ich, ich habe den undankbaren Assistenzjob! Ich muss fast ohne Anweisung instinktiv binnen Sekundenbruchteilen wissen, was er vor hat:
- die richtigen Türen zu richtigen Zeit aufhalten,
- den Baum stets in die korrekte Richtung neigen, und
- vor allem festhalten, festhalten, festhalten.
Ohne Rituale geht es nicht
Folgende Sätze MÜSSEN zwangsläufig beim Aufrichten des Christbaumes ausgesprochen werden, damit es gelingt:
„Scheiß Baum. Nächstes Jahr kaufe ich keinen mehr!“
„Ich will aber einen! Weihnachten ohne Baum ist kein Weihnachten!“
„Oder ich kauf einen kleinen!“
„Ein Weihnachtsbaum MUSS groß sein. Orrr, du nervst der-ar-tig!“
„Wenn die Kinder aus dem Haus sind, holen wir aber keinen mehr. Oder wir stellen den auf die Terrasse draußen, dann nadelt der Dreck wenigstens nicht.“
Ritual ist auch, dass wir keine wolligweiche Nordmanntanne kaufen. Nönö, ein Entscheidungskriterium des Mannes scheint unter anderem zu sein, wie pieksig die Nadeln sind. Je pieksiger, desto besser!
Meine Aufgabe ist an dieser Stelle, den Baum beim Ausrichten ohne Handschuhe festzuhalten. Okay, ich könnte mir Handschuhe holen, aber dann würde ich das Ritual durchbrechen. Geht gar nicht!
„Jetzt pack doch mal den Baum vernünftig, Mensch!“
„Ich kann da aber nur langsam reinfassen. Der piekt so furchtbar schrecklich.“
„Hol dir Handschuhe!“
„Nein, ich habe keinen Bock in die Garage zu gehen.“
„Dann halt eben!“
Ab diesem Moment muss ich natürlich jedes Mal hysterisch quieken, wenn ich in die Äste greifen soll. Das Greifen in die Äste ist von mir absolut nur in Slowmotion zu erledigen. Männernervenzerreibende Slowmotion!
Der Mann liegt währenddessen unter dem kratzig-piekigen Baum, setzt sein Gesicht den Ästen und Nadeln aus und will nichts als aus dieser Situation erlöst werden.
Wenn der Baum endlich perfekt ausgerichtet ist ...
… beziehungsweise nachdem der Mann den Weihnachtsbaumständer diverse Male gelöst und wieder festgemacht hat, mit dem Gesicht jeweils in die Nadeln gedrückt natürlich, und wir vermeintllich zufrieden sind.
Im nächsten Schritt muss der Baum herbe vom Mann kritisiert werden (dabei hat er ihn selbst gekauft), dazu tritt er mit verschränkten Armen ein Stück zurück und sagt:
„Der ist viel zu groß! Der ist zu breit. Guck mal, schieb den mal was hier rüber.“
(Mann hätte sich das viiiieeeelllleeeeiiiicchhhttt denken können, weil der Baum beim Kauf NICHT in so ein Netz passte…. Hätte man als Indiz sehen können. Hätte – täte – könnte!)
„Aber der piekt so.“
„Schieb jetzt, Frau!“
„Der klemmt!“
„DU klemmst! Schieb!“
Die Stimmen schrauben sich langsam in aggressive Bereiche – in perfekt abgestimmter Choreographie quasi, Nuance für Nuance.
Zeit für den explosivsten Vorgang
Der Mann beginnt die – seiner Meinung nach – zu ausladenden Äste zu beschneiden. Ich flippe derweil aus, weil ich es alles andere als schön finde, vorne auf der Sichtfläche helle Schnittstellen zu haben. Und ich mag Bäume so, wie sie gewachsen sind.
Nützt nix: schnickschnickschnick und schon sind die rituellen Schnittflächen in den Sichtbereich gesetzt. Mindestens fünf!
Resignierend bitte ich ihn, das Tannengrün auf die Terrasse zu legen, damit ich es noch zum Dekorieren verwenden kann. Der Mann hingegen ignoriert in aller Regelmäßigkeit diese Bitte und wirft das Tannengrün irgendwo hin, auf dass man es nie mehr verwenden kann.
Mittlerweile hat die alljährliche Halsschwellung beiderseits konsequent eingesetzt. Diese verstärken wir nun erfolgreich dadurch, dass der Mann stundenlang unter der Tanne saugt und mir dabei mitteilt, dass ich nicht in der Lage bin, richtig zu staubsaugen oder zu selten staubsauge oder zu oberflächlich, und das, seit er nur noch am Wochenende da ist, Sodom und Gomorrha quasi als Untermieter bei uns eingezogen sind.
Daraufhin werfe ich ihm vor, dass er sich raushalten soll, da er sich selbst nicht gerade mit Arbeitseifer bekleckert, obwohl auch er hier Dreck macht und ich quasi wie eine Alleinerziehende dastehe. Und kritisieren darf nur, wer besser ist.
Heiteres Setzen der Lichterketten
Männerjob.
Ich bin ja nicht blöd. Das piekt viel zu sehr und solch Fummelskram ist nichts für mich. Ich kenne mich aus mit Kompetenzen!
Während der Mann die Lichterketten in den Baum flucht, ist es besser räumlich Abstand zu nehmen. Aber das kann er tatsächlich gut. Da er Pedant ist, gibt es wohl kaum einen Baum mit gleichmäßigerer Kerzenverteilung. Da ist er ähnlich gründlich wie bei der Organisation des Spülmaschineninnenlebens! Toll!
Lasset die Kindlein zu uns kommen
Zwischendrin müssen natürlich die Kinder aus dem Bett gekegelt werden. Man erteile ihnen – wichtig: die Kinder müssen noch zu 99% schlaftrunken sein, sonst ist die Endperformance suboptimal – einen Sack voll Arbeit, damit sie schon vor dem Frühstück rumnölen und einem selbiges verderben, Daraufhin rege man sich über dieses faule Volk auf und überlade sie mit Floskeln a la „Das hätten wir uns früher nicht getraut! Wir hatten noch Respekt!“. Das ist elementar.
Die Kinder reagieren auf ihre Weise, stürmen davon und schmeißen ggf. Zimmertüren (Tochter).
Man eskaliere darauf gemeinsam über diese frechen Kinder! Das erst ermöglicht, dass wir uns nun den ein oder anderen Erziehungsfehler gegenseitig herzlich vorwerfen können. Hierbei ist es essentiell die „PLUS EINS“-Strategie akribisch anzuwenden. Bedeutet, dass, was immer der andere soeben an Bemerkung ins Spiel gebracht hat, die nächste Bemerkung PLUS EINS schlimmer sein sollte.
Üblicherweise ist dann der Moment für mich gekommen, bösartig zischend meinen Herzenswunsch nach einer einsamen Zweizimmerwohnung mit kleinem Balkon für mich alleine zu äußern. Den Gipfel der Anspannung erreichen wir aber final, indem der Mann mir in dieser Situation bei der Wohnungssuche gerne behilflich sein möchte.
Jetzt sind wir an dem Punkt – beide richtig sauer, gestresst, genervt, angespannt und böse. Aber genau an diesem Punkt wandelt sich alles. Warum auch immer. Vermutlich haben wir dann genug Druck abgelassen.
Wir fahren unsere inneren Systeme runter, beseitigen die Kartons, die das Schmückmaterial außerhalb der Weihnachtssaison beherbergen, trinken friedlich und sehr gemeinsam eine Tasse Kaffee, Entspannung kommt auf und wir freuen uns auf Weihnachten.
Der Mann fotografiert stolz noch schnell den diesjährigen Weihnachtsbaum. Und wir befinden diesen Baum als den schönsten, den wir jemals hatten.
Wie jedes Jahr.
Wir haben Fotos ab 1994.
Sti-hille Naaaaacht, heeeeeiiiiiilige Naaaaacht…


